"Zur Not geh' ich auch mal ne' Zahnbürste holen"
Der Arbeitsalltag eines Busfahrers ist normalerweise wenig glamourös. Bei Wolfgang Hochfellner, dem Busfahrer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, heißen die Fahrgäste jedoch Michael Ballack oder Mario Gomez. Der Job führt den gebürtigen Hessen rund um den Globus – und im Sommer zur WM nach Südafrika.
Herr Hochfellner, wie sind Sie denn Busfahrer der deutschen Fußballnationalmannschaft geworden?
Mit viel Glück. Eigentlich hatte ich mich 1991 bei der DFB-Poststelle beworben. Allerdings suchte der DFB damals auch einen Fahrer für den Bus der deutschen Nationalmannschaft. Ich hatte ja schon entsprechende Erfahrung, schließlich gehörte meinen Eltern ein Busbetrieb in Limburg-Dietkirchen, den mittlerweile mein Bruder führt. Unter 200 Bewerbern hat mich der DFB dann als zweiten Fahrer für den Bus des Nationalteams ausgewählt. Meine erste Fahrt ging im April 1992 nach Prag, zum Länderspiel gegen die Tschechoslowakei. Das Spiel endete unentschieden – 1:1.
Ihre Laufbahn als DFB-Fahrer verlief erfolgreicher...
… Offenbar hatte ich einen guten Eindruck bei dem damaligen Bundestrainer Berti Vogts hinterlassen – wenig später wurde ich erster Fahrer. Mittlerweile bin ich für den gesamten Fuhrpark des DFB und damit für insgesamt 65 Fahrzeuge verantwortlich. Bei den Länderspielen bin ich auch dafür verantwortlich, die Schreibstunde des Teams zu koordinieren, wenn Bälle und Trikots unterschrieben werden. Außerdem gebe ich Autogrammkarten der Nationalmannschaft zum Unterschreiben an die Spieler und sammle sie wieder ein.
Haben Sie vor Ihrer Zeit beim DFB bereits Erfahrung mit Fußballteams gesammelt?
1988 habe ich bereits bei Eintracht Frankfurt für ein Jahr unter Kalli Feldkamp als Fahrer ausgeholfen.
Mussten Sie für den DFB eine spezielle Ausbildung machen oder Fahrtrainings absolvieren?
Wissen Sie, ich habe ja bereits mit 17 meinen Busführerschein gemacht. Für den Betrieb meiner Eltern bin ich viel nach England gefahren und habe sogar eine Zeit lang in London gelebt. Als ich beim DFB anfing, hatte ich schon eine gewisse Erfahrung. Dennoch bietet beispielsweise Mercedes einmal pro Jahr ein Fahrsicherheitstraining am Hockenheimring an, an dem auch die Fahrer der Bundesliga-Mannschaften teilnehmen. So was kann nie schaden.
Mit was für einem Bus chauffieren Sie denn Ballack und Co. im Moment?
Mercedes-Benz ist seit 1990 Generalsponsor der Nationalmannschaft, in der Bundesliga gibt es aber auch MAN-Modelle. Bei der Nationalmannschaft fahre ich einen Mercedes-Benz Travego M – einen 650 PS starken Dreiachser. Da ist alles drin: ESP, Abstandsregel-Tempomat, Spurassistent, Regensensoren und, und, und. Im Innenraum gibt es 36 gepolsterte Ledersitze mit großem Sitzabstand, vier Tische, Flachbildschirme und Kühlschränke. Die Jungs und der Rest des Teams sollen sich an Bord sicher und entspannt fühlen.
Wer entwirft denn den Bus?
Das macht der DFB gemeinsam mit Mercedes-Benz. Das äußere Design des Busses entwerfe ich mittlerweile gemeinsam mit Oliver Bierhoff. Diesmal haben wir uns für schlichtes Schwarz-Weiß entschieden, in Anlehnung an die klassischen Trikots der Nationalmannschaft.
Gab es Spezialwünsche von den Spielern?
Nein.
Die legendäre Bierzapfanlage aus dem WM-Bus von 1974 gehört also der Vergangenheit an?
Allerdings! (lacht)
Wie oft erhält die Nationalmannschaft denn einen neuen Bus?
Alle drei Jahre, unabhängig von Turnieren.
Lange Busfahrten sind manchmal ganz schön langweilig. Wie vertreiben sich die Spieler die Zeit im Bus?
Die Jungs sind maximal eineinhalb Stunden im Bus: auf den Fahrten vom Hotel zum Trainingsgelände, zum Spiel oder zum Flughafen. Den Rest fliegen sie. Früher haben viele Karten gespielt, heute lesen die meisten oder hören Musik. Wir haben eine iPod-Anlage an Bord, die ich von vorne steuern kann. Manchmal nehme ich mir aber die Freiheit, ein Lied zu überspringen. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden! (lacht) Aber es gibt auch einen Fernseher mit DVD-Player, der aber eher selten läuft. Nach der WM 2006 habe ich eine Extrakamera am Bus einbauen lassen. Über ihre Bildschirme kriegen die Spieler dann die komplette Stimmung rund um den Bus und die Fans noch besser mit. Das gibt ihnen einen zusätzlichen Motivationsschub.
Wo steht denn das gute Stück?
Normalerweise bei der Mercedes-Benz-Niederlassung in Frankfurt. Es gibt zwei Busse für die Nationalmannschaft: Der eine ist für die A-Nationalmannschaft der Herren und für VIP-Fahrten. Der zweite Bus, in einer leicht abgespeckten Version, ist für die Nationalmannschaft der Frauen und die U21 der Herren.
Lassen Sie uns doch einmal über die WM 2010 in Südafrika sprechen. Was kommt da auf Sie und den Bus alles zu?
Spätestens ab Mai ist der Terminplan randvoll: Es stehen die beiden Testspiele gegen Malta und Bosnien an und dazwischen noch ein Trainingslager in Eppan in Südtirol. Da hole ich die Spieler am Flughafen ab und fahre sie zum Hotel oder zum Training. Während der WM arbeite ich als zweiter Zeugwart, beispielsweise kümmere ich mich um den Transport des gesamten Gepäcks und dessen Verteilung auf die Zimmer. Bei Freundschaftsspielen sitze ich manchmal sogar mit auf der Bank, bei Punktspielen dahinter, weil dann nur eine begrenzte Anzahl an Betreuern auf der Bank erlaubt ist. Vor Ort in Südafrika dürfen wir die Mannschaft leider nicht mit dem DFB-Bus von Mercedes fahren – die FIFA hat Verträge mit Hyundai.
Ist der Bus schon mal liegengeblieben?
Bei der EM 2004 in Portugal hat die Tür nicht funktioniert, das lag an der Elektronik. Und vor einem Benefizspiel in Augsburg bin ich die Strecke vorher nicht abgefahren. Plötzlich stand dann eine Brücke im Weg, die zu niedrig war. Die Spieler mussten dann den restlichen Weg zu Fuß laufen. Glücklicherweise war es kurz vorm Stadion und der Weg nicht so weit.
Sie haben mittlerweile einige Nationaltrainer erlebt. Wie wirken sich die unterschiedlichen Charaktere auf Ihren Job aus?
Berti Vogts ist natürlich ein ganz anderer Typ als Erich Ribbeck. Rudi Völler kannte ich bereits aus seiner Zeit als Spieler, da wusste ich, wie er tickt. Zu Jürgen Klinsmann und Rudi Völler habe ich ein freundschaftliches Verhältnis. Man trifft sich zwar nicht laufend, aber wenn, dann ist die Freude um so größer. Aber im Großen und Ganzen ändert sich nicht viel bei meinem Job: Meine Aufgabe ist es, die Spieler von A nach B zu bringen. Zur Not geh’ ich auch mal ’ne Zahnbürste holen. Ich helfe gerne, quasi als Mädchen für alles. Dadurch bist du aber nicht nur der Busfahrer, sondern ein Teil des Teams – du bist voll dabei!
Und was für ein Verhältnis haben Sie zu den Spielern?
Im Laufe der Jahre lernt man sich doch besser kennen ... Du identifizierst dich einfach mit den Jungs, freust dich und leidest mit ihnen, das gehört dazu. Mir hat nie einer das Gefühl gegeben, ich sei nur der Busfahrer. Jürgen Klinsmann hat ganz besonders das Team hinter dem Team gefördert und dass man Respekt für den anderen hat, egal ob Spieler oder Betreuer. Ein besonders gutes Verhältnis habe ich allerdings zu Christoph Metzelder, den ich zuletzt drei bis vier Mal im Jahr in Madrid besucht habe. Und wenn ich mal ein Ticket für Freunde brauche, kann ich etwa den Poldi oder Philipp Lahm fragen, kein Problem.
In den knapp 20 Jahren beim DFB gab es jede Menge Höhepunkte, aber bestimmt auch weniger schöne Momente.
Natürlich. Der schönste Moment war das Spiel um Platz drei bei der WM 2006. Emotional war das der Höhepunkt, da ist eine Riesenlast von uns abgefallen. Ich hatte Tränen in den Augen. Auf der Rückfahrt vom Stadion ins Hotel ging im Bus natürlich der Punk ab! Ich hab’ eine CD mit Gassenhauern eingelegt, alle haben zusammen gesungen und auch was getrunken, die ganze Nacht gefeiert. Am nächsten Tag ging’s dann noch auf die Fanmeile nach Berlin. Das Halbfinale gegen Italien war das genaue Gegenteil: In der Kabine hat nach der 0:2-Niederlage keiner mehr ein Wort gesprochen, es lief keine Musik, die Stimmung war sehr gedrückt. Zu allem Überfluss gab’s in dieser Nacht auch noch ein Riesengewitter. Aber alles in allem war das mein schönstes Turnier.
Wie lange wollen Sie denn noch fahren?
Das wird sich zeigen, da gibt es momentan noch keine Planungen.
Zum Schluss noch die obligatorische Frage nach Ihrem Lieblingsverein?
Ich habe keinen speziellen Lieblingsverein, in erster Linie bin ich Fan der Nationalmannschaft.
Und wer wird Weltmeister?
Keine Frage – Deutschland natürlich!

